Über unser Verhältnis zur Natur

In seinen "Ästhetischen Briefen" beschreibt Schiller zwei Stufen der menschlichen Naturbeziehung, hier verkürzt reformuliert:

1.
Der Mensch lebt im "bewusstlosen" Einklang mit der Natur, er wird von seinen instinkten gelenkt.

2.
Er tritt der Natur gegenüber, begreift sich als Person und gewinnt die Fähigkeit zur Reflexion, zur bewussten Nutzung der Naturkräfte. Gleichzeitig beginnt der Prozess wachsender Naturentfremdung und der Verlust unmittelbarer Kontakte zur Lebensbasis.

3.
Die Naturferne der modernen Zivilisation erfordert heute mehr denn je unsere geistig-körperliche Rückbindung an die Ursprünge unserer Existenz und, daraus folgend, zum Beispiel auch die Übertragung der Naturrhytmen auf die Gestaltung unserer Sekundärwelt.
Dies hat nichts mit der Aufgabe soziokultureller Errungenschaften zu tun.
Mit Goethe:..."Wenn der Natur entfremdete Menschengeist zur Natur zurückkehren sollte, bedeutet dies Rückkehr zur Natur mit dem vollen Reichtum des entwickelten Geistes, mit der Bildungshöhe der neuen Zeit". 

4.
"Die Religiosität des Forschers liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine so überlegene Vernunft offenbart, daß alles Sinnvolle menschlichen Denkens und Anordnens dagegen ein ziemlich nichtiger Abglanz bleibt."      Albert Einstein

Im Makro- und Mikokosmos entdecken wir immer neue Formen von überwältigender Schönheit und Funktionalität. im Vergleich dazu können unsere Erfindungen in der Tat recht schlicht aussehen; sie erreichen weder die ästhetische noch die funktionale Vitalität der Natur. Die Konsequenz sollte eine intensive Beschäftigung mit den Gesetzmässigkeiten natürlicher Formbildung sein. 

Zunächst von unmittelbarer Zweckbindung frei, können wir archetypische Form-Gesten der Natur als zeichnerische Rhythmogramme festhalten und danach auf die rhythmische Regeneration von Körpersprache und Stimme, auf Design und sogenannte "freie" Kunst übertragen. Da es dabei um die Verbindung zu Rhytmus der Formbildung und nicht um die platte Kopie einzelner Erscheinungsbilder geht, wärekein Verlust kreativer Freiheit zu befürchten. Wenn wir sozusagen "Entfaltungsräume" in unserer Sekundärwelt öffnen, können auch völlig neue Formkombinationen entstehen.

Wesentlich erscheint mir, daß tiefere Naturerkenntnis sehr viele Menschen mit den Vorraussetzungen zur Gestaltung im Einklang mit der Natur ausstatten könnte, also nicht nur die traditionell so gesehenen kreativen "Eliten". Eine neu orientierte künstlerische Avantgarde könnte sich pädagogisch hilfreich in den Dienst der guten Sache stellen und die individuelle Mythologie durch soziale Bedeutung ergänzen.